Erhaltung der Schutzwirkung
Maintenance of protection function

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Heft 170, Jänner 2013, 77. Jahrgang

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Editorial

"LIEBE LESERIN, LIEBER LESER, im modernen Naturgefahren-Management ist es üblich in Zyklen zu denken; ein gutes Beispiel ist das Modell des Risikokreislaufs, der sämtliche Maßnahmen in einen zeitlichen und funktionalen Bezug zum Ereignis (zur Katastrophe) bringt. Aus gesellschaftspolitischer Sicht verbirgt sich hinter diesem Kreislauf in Wahrheit eine Spirale: Das reale Schutzziel einer nach Wohlstand und Sicherheit strebenden Bevölkerung und ihrer politischen Entscheidungsträger ist nämlich die laufende Steigerung des Sicherheitsniveaus; dieses liegt auch dem Denken und Handeln der meisten Naturgefahrenexperten zugrunde. Bis heute liegt daher der Schwerpunkt in der Schaffung neuen Schutzes. Dem steht die nüchterne Erkenntnis gegenüber, dass keine absolute Sicherheit möglich ist und Risiko daher auch nicht beliebig gesenkt werden kann. Trotz umfangreicher Maßnahmen und hoher öffentliche Investition ist das Risiko durch Naturgefahren auch faktisch nicht signifikant gesunken. Für die Ursachen gibt es zahlreiche, komplexe Hypothesen, die vom Klimawandel, über die Folgen verfehlter Raumentwicklung und des fortschreitenden Flächenverbrauchs bis zur sinkenden Risikoakzeptanz der Bevölkerung reichen. Ein viel simpleres Faktum wird jedoch in der fachpolitischen Diskussion häufig außer Acht gelassen: Bestehender Schutz muss erhalten werden um nachhaltig wirken zu können. Niemand würde ernstlich anzweifeln, dass das eigene Auto oder die Straße, auf der man damit fährt, regelmäßig instandgehalten und fallweise repariert werden müssen. Auch der Notwendigkeit der regelmäßigen Inspektion der Fahrzeuge und Bauwerke durch Fachleute ist für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Wenn man jedoch den realen Stellenwert der Thematik „Erhaltung“ im Naturgefahren-Management betrachtet, konnte man – etwas überzeichnet – bisher den Eindruck gewinnen, dass die meisten davon ausgehen, dass sich Wildbäche von selbst regulieren, Schutzwälder von alleine wachsen und Schutzbauwerke wartungsfrei funktionieren. Langsam aber unaufhaltsam findet jedoch in diesem Bereich ein grundlegendes Umdenken statt und wird die „Erhaltung des Schutzes“ als das primäre Ziel des Naturgefahren-Managements der kommenden Jahrzehnte gesehen. Wenn Nachhaltigkeit tatsächlich die zukünftige Prämisse des Schutzes vor Naturgefahren sein soll, gelangt man unweigerlich zurück zum Denken in Kreisläufen, also zum „Lebenszyklus des Schutzes“ und damit zu den Basisfunktionen Überwachung, Erhaltung, Regeneration und Anpassung. Diese Prinzipien sind in der Pflege der Schutzwälder längst etabliert und werden zukünftig in der Bewirtschaftung der Einzugsgebiete (Fließgewässer) sowie im Hochwasserrisikomanagement hohe Relevanz erlangen. Mit der Einführung des „Life-cycle-Prinzips“ im Ingenieurwesen hat sich nachhaltiges Denken und Handeln auch bei der Erhaltung von Bauwerken (technischen Anlagen) etabliert, zu denen Schutzbauwerke zählen. Im weiteren Sinne dient auch das Risikomanagement, welches auf einen Ausgleich zwischen Schutzleistung und Schutzwirkung abzielt, dem Erhaltungskreislauf. Nicht zuletzt findet Nachhaltigkeit zunehmend Eingang in die Rechtsgrundlagen, Finanzierungsmodelle und Organisationsformen des Schutzes vor Naturgefahren, das Agieren der Entscheidungsträger sowie in das Management der Daten über den Erhaltungszustand der Gewässer, Schutzbauwerke und -wälder. Man kann also durchaus von einem „Paradigmenwechsel“ im Schutz vor Naturgefahren sprechen, den die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift eindrucksvoll beschreibt. Die interdisziplinären Beiträge geben eine aktuellen und umfassenden Überblick über die Erhaltung des Schutzes und bieten spannende Aspekte der diesbezüglichen Entwicklungen in Österreich und anderen Alpenländern. Wer Begriffe wie „integral“, „nachhaltig“ oder „life-cycle“ bisher für plakative Worthülsen oder politisch-theoretische Gemeinplätze gehalten hat, wird beim lesen des Hefte 170 erkennen, wie diese Prinzipien im Naturgefahren-Management zunehmend zur Realität werden und sich in zahlreichen neuen Methoden und Instrumenten materialisieren. Außerdem wirft das Heft einen Fokus auf die Wildbachverbauung in Griechenland (abseits der Schuldenkrise) und zeigt die Problemstellungen und Schutzstrategien des Landes am Fuße des Olymps. Nachhaltige Leseeindrücke wünscht Ihnen, Ihr Dr. Florian Rudolf-Miklau"

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