Lawinenwinter 1999 - Erfahrungen und Konsequenzen in den Alpen, Tagung - 18.-20.06.2009, Galtür
Avalanche Winter 1999 – Experiences and Consequences in the Alps, Conference - June 18-20, 2009, Galtür, Austria

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Heft 162, Juni 2009, 73. Jahrgang

Holen Sie sich einen Kleinen Einblick aus unserem Aktuellem Journal

Mair Rudi

Meteorologische Analyse und Extremwertstatistik der Lawinenkatastrophe von Galtür 1999

Der Winter 1998/1999 war hinsichtlich Niederschlag und Lawinenaktivität in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Drei kurz aufeinander folgende Niederschlagsperioden mit stürmischen Nordwestwinden brachten zwischen dem 27.1.1999 und dem 25.2.1999 in den Nordweststaulagen Tirols bis zu 400 cm Neuschneezuwachs, vereinzelt auch mehr. Zum Vergleich: Diese Mengen liegen über den sonst üblichen Neuschneesummen für den ganzen Winter! Trotz dieser sehr ergiebigen Neuschneefälle war der Schneedeckenaufbau aber recht stabil, so dass während der ersten zwei Niederschlagsperioden nur wenige Großlawinen abgingen. Die Stabilisierung der Schneedecke erfolgte vor allem durch kurze Niederschlagspausen und ebenso kurzfristige markante Temperaturanstiege. Gegen Ende Februar hin hatten sich in den Lawinenanbruchgebieten enorme Massen an gefallenem und windverfrachtetem Schnee abgelagert. Als Folge dieser Überlast kam es schließlich vielfach zum Bruch innerhalb der Schneedecke und damit zum Abgang ungewöhnlich riesiger Schadenslawinen mit teilweise bisher nicht bekannten Auslauflängen. Der Schwerpunkt der Lawinenaktivität lag im westlichen Tirol und gipfelte in den Lawinenkatastrophen von Galtür am 23.2.1999 mit 31 Todesopfern und Valzur (Gemeinde Ischgl) am 24.2.1999 mit 7 Toten. Beim Niedergang der Äußeren Wasserleiterlawine in Galtür handelte es sich um eine reine Staublawine mit einem sehr kleinen Fließanteil. Die zerstörerische Wirkung und die außergewöhnlich große Reichweite sind vor allem auf die mit 2,5 m bis 3,5 m sehr großen Anrissmächtigkeiten zurückzuführen. Die Zerstörungen sind dabei im Wesentlichen von der Saltationsschicht, dem untersten dichten Teil einer Staublawine, verursacht worden. Diese großen Anrissmächtigkeiten und die große Anrissbreite führten zu extremen Massen an Lawinenschnee, die in der Sturzbahn durch die Aufnahme von zusätzlichen Schneemengen noch vergrößert wurden. Die entlang der Äußeren Wasserleiterlawine abstürzenden Schneemassen konnten sich, bedingt durch Topographie und flächenhaften Absturz, seitlich nur wenig ausbreiten, durchflossen den Talboden mit großer Geschwindigkeit und stießen dadurch stark konzentriert in Richtung des Ortsteils Winkl vor, wo es zu den größten Schäden mit teilweise völlig zerstörten Gebäuden kam. Als direkte Folge dieser Lawinenkatastrophen wurden sowohl im temporären als auch permanenten Lawinenschutz genauso wie im Katastrophenschutz umfangreiche Änderungen und Verbesserungen vorgenommen: Der Lawinenwarndienst Tirol wurde zu einem der professionellsten weltweit ausgebaut, die Wildbach- und Lawinenverbauung investierte in neue Schutzbauten und in eine Änderung der Gefahrenzonenplanung, und im Bereich des Katastrophenschutzes wurde neben einem Warn- und Alarmplan in Bezug auf Lawinengefährdung auch ein neues Katastrophenmanagementgesetz beschlossen. Trotz all dieser Fortschritte und Investitionen muss aber klar sein, dass eine ähnlich extreme Witterung wie im Winter 1998/1999 in einem Gebirgsland wie Tirol wieder zu einer problematischen Lawinensituation führen wird, da eine völlige Beherrschbarkeit dieser alpinen Naturgefahr schlussendlich nicht möglich ist.

The avalanche winter 1999 in Tyrol – Meteorological extrema statistics

The winter of 1998/1999 was unusual in terms of both precipitation and avalanche activity. Between January 27 and February 25, three precipitation periods in quick succession, accompanied by stormy, north-westerly winds, brought snow amounts of up to 400 cm to the north western parts of Tyrol, in some cases even more. In comparison, this is more than the usual amount for the whole winter! Although snowfalls were very heavy, the stability of the snowpack was quite good so only a few avalanches occurred during the first two precipitation periods. Stabilization of the snowpack was promoted by short breaks in precipitation as well as by short periods of increasing temperatures. At the end of February, a huge amount of deposited and drifted snow had accumulated in the starting zones for avalanches. As a result of this high additional load, fractures formed within the snowpack triggering unusually big avalanches with previously unknown runout zones. The focus of avalanche activity was in the western parts of the Tyrol and culminated in the catastrophic avalanches in Galtuer on February 23, 1999, with 31 deaths, and Valzur (community of Ischgl) on February 24, 1999, with 7 deaths. The so-called „Auessere Wasserleiterlawine“ in Galtuer was a typical powder snow avalanche with a very small amount of flowing snow. The destructive effect and the unusually wide runout zone were due to the substantial depth of the fracture of 2.5 to 3.5 m. Damage was mainly caused by the saltation layer, the lowest and most dense part of a powder snow avalanche. Both the depth and the width of the fracture led to extreme masses of avalanche snow, picking up even more snow along the avalanche track. Since the falling snow masses of the “Auessere Wasserleiterlawine” avalanche could not spread sideways because of topography and the large area of the starting zone, they crossed the valley at high speed crashing into Winkl, a district of Galtuer, where they caused severe damage and completely destroyed several buildings. As a result of these catastrophic avalanches, both temporary and permanent measures of protection as well as disaster management have been substantially improved: The avalanche warning service of Tyrol today is one of the most professional worldwide. The Austrian Service for Torrent and Avalanche Control invested in new avalanche defence structures and revised its hazard zone planning, and the Office for Disaster Management developed a warning and alarm plan to assess avalanche danger and passed a new disaster management law. Despite all these improvements, it must be noted that similar meteorological conditions as in the winter of 1998/1999 will lead to another dangerous avalanche situation in a high mountain area such as Tyrol, since mankind can never fully control these types of natural risks.

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Dr Mair Rudi
Lawinenwarndienst Tirol
Eduard-Wallnöfer-Platz 1
620 Innsbruck